"Dem Hund aufs Maul gschaut“ Teil 1

Eine Bericht-Serie von Tierarzt Dr. H. Prommer über parodontale Erkrankungen und deren Folgen.

Parodontale Erkrankungen sind die häufigsten Erkrankungen der Maulhöhle beim Hund. Parodontium heißt soviel wie Stütz- und Haltegewebe des Zahnes.

Der Prozess beginnt mit einer Ansammlung von Bakterien auf den Zahnoberflächen und schreitet im weiteren Verlauf bis zu schwerwiegenden Zerstörungen des umgebenden Weich- und Knochengewebes fort, die dann zu Zahnausfall und anderen systemischen Folgen (Herzerkrankungen) führen können.

Normalerweise umschließt das Zahnfleisch die Zähne wie eine Manschette jeden einzelnen Zahn. Die Zahnwurzeln sitzen in tiefen Ausbuchtungen des Kieferknochens – den sogenannten Zahnfächern. In diesem Bereich wird die Zahnwurzel von einem feinen Häutchen überzogen, das an der Wurzelspitze den Blutgefäßen und Nerven einen Durchtritt gewährt. Während der Zahn im sichtbaren Bereich mit Zahnschmelz überzogen ist, wird die Wurzel stattdessen mit Zahnzement bekleidet. Die Zahnwurzelhaut verbindet somit den Wurzelzement mit dem Alveolarknochen des Zahnfaches, dient als elastische Aufhängung des Zahnes und kann somit den Kaudruck abfedern.

Wenn bei entzündlichen Veränderungen das Zahnfleisch allein erkrankt, spricht man von „Gingivitis“ oder bei Veränderungen des Zahnhalteapparates von „Parodontitis“.

Die Gingivitis ist somit meist eine durch Zahnbelag verursachte Entzündung des Zahnfleisches. Es muss sich aber nicht zwangsläufig eine Parodonditis entwickeln.      

Dies hängt vielmehr von der individuellen Abwehrsituation jedes einzelnen Hundes ab. Deshalb kann sich manchmal bereits bei jüngeren Hunden eine hochgradige Zerstörung des parodontalen Gewebes entwickeln.

Als gesichert gilt jedenfalls, dass die im Zahnbelag vorhandenen pathogenen (= krank machenden) Mikroorganismen im umgebenden Gewebe eine entzündliche Reaktion auslösen.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass in der Maulhöhle von Hunden bis zu 300 verschiedene Bakterien bestätigt werden konnten.

Alle Hunde mit Zahnbelag weisen eine mehr oder minder stark ausgeprägte Zahnfleischentzündung auf.

Die Entwicklung parodontaler Erkrankungen lässt aber auch darauf schließen, dass genetische Faktoren mitverantwortlich sind und gewisse Hunderassen eher zu besonders schweren Formen dieser Erkrankung neigen (Pudel, Yorkshire Terrier).

Woran erkennt nun der Besitzer bei seinem Hund solche Symptome?

Anlassgebend sind oft extremes Speicheln, Schmerzen bei der Futteraufnahme oder sehr häufig der sich steigernde unangenehme Geruch aus dem Maul. Fortschreitende Entzündung des Zahnfleisches bewirkt schlussendlich eine Loslösung und den Verlust der Verankerung des Zahnbindegewebes von der Zementschichte und letztendlich die Bildung von zum Teil sehr tiefen Zahnfleischtaschen, in denen sich dann Nahrungsreste und Haare etc. ansammeln (Bild 1, Bild 2).

Dieser Verlust der Haftung und Verankerung des Zahnes (Attachmentverlust) bewirkt dann eine Besiedelung des gesamten nicht einsehbaren Wurzelbereiches mit stinkendem Zahnbelag, zum Teil deutlichem Schwund des Zahnfleisches, oft freiliegenden Zahnwurzeln und schlussendlich Wackeln und Ausfallen der betroffen Zähne.

Kein Tierbesitzer würde seinem Hund mit einer 15 cm² großen, chronisch infizierten Hautwunde eine tierärztliche Behandlung vorenthalten. 

Studien ergaben jedoch, dass die durchschnittliche Summe der Oberfläche von Parodontal-Taschen eines 15 kg schweren Hundes ebenfalls gleich groß einzustufen ist, weil sie ebenfalls chronisch infizierte Wunden sind und noch eine viel umfangreichere Bakterienflora besitzen.

Aus all dem bisher Erwähnten darf also zusammengefasst werden:

  • Viele Hunde leiden ans Parodontosen.
  • Der Besitzer erkennt die Erkrankung meist erst im fortgeschrittenen Stadium (hochgradiger Mundgeruch).
  • Parodontosen sind chronische und schmerzhafte, ernstzunehmende Erkrankungen des Zahnhalteapparates.
  • Regelmäßige und frühzeitig beginnende Untersuchungen (Besitzer, Tierarzt) sind wichtig.
  • Diese Erkrankung begleitet den Hund ein Leben lang, kann also durch regelmäßige Maulhöhlen- und Zahnpflege kontrolliert werden, sodass ein funktionsfähiges Gebiss möglichst lang erhalten bleibt.

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